Mythologie

ca 6500 v. Chr., Chatal Höyük

Zur Zeit der kulturellen Mutterstufe lebte das Männliche und das Weibliche partnerschaftlich zusammen. Beide waren geborgen im Mütterlichen, in der großen Ernährerin, die alles hervorbrachte, wieder zu sich nahm und wieder neu hervorbrachte. Diese Urmutter, hier im Bild als Gebärende auf dem Leopardenthron findet sich auch noch zu patriarchalen Zeiten in der griechischen Urmutter Gaia. Hier ist sie die Urgottheit, die als erste und einzige aus dem Chaos entstand, sie ist als Urmutter die “Breitbrüstige Gaia”, Sitz aller Unsterblichen die “Mutter aller Götter”.

 Gaia – die Mutter aller Götter

Gaias Bedeutung in der Mythologie wie im Kult liegt hauptsächlich in der Vorstellung  über die Erde begründet. Aus dieser Vorstellung, die in allen Kontinenten und über sehr lange Epochen durchgängig verbreitet war leitet sich sowohl Gaias Hauptbedeutung als Muttergottheit ab, die alles Lebende hervorbringt und ernährt, als auch die einer Todesgottheit, die den Menschen nach dessen Tod in ihren Schoß aufnimmt. Delphi bedeutet “Schoß oder Gebärmutter” und es war das berühmte Orakel Griechendlands wo Mutter Erde als Göttin Gaia und ihre Schlangendrachin Phyton kultisch verehrt wurde.

schlafende Götti, unterirdischer Tempel Hal Saflieni, Malta, ca 4500 v. Chr. Gaia, die Mutter aller Götter wurde mit fortschreitender Patri-archisierung von männlichen Göttern überstrahlt, deren Macht zunehmend vom Vater auf den Sohn überging. So geht nach Hesiod die Macht von Uranos an seinen Sohn Kronos und von diesem an seinen Sohn Zeus, der zum Hochgott und zum Göttervater des Olymp proklamiert wird. Dafür hat Zeus seine eigenen Vorfahren, das Titanengeschlecht, in einem mörderischen Kampf vernichtet und sich die Schöpferkraft und die chtonischen (erdhaften) Mächte, die bis dahin vor allem in den Händen großer Göttinnen lagen, gewaltsam angeeignet.

Patriarchisierung – die Entmachtung Gaias

So verschlang Zeus die Weisheitsgöttin Metis, als sie mit ihrer Tocher Athene schwanger ging, um dann die Göttin Athene als Kopfgeburt seinem Haupte entspringen zu lassen. Hinter der Weisheitsgöttin Metis verbirgt sich die altägyptische Göttin Maat bzw. die lybische Schlangengöttin Medusa, die beide die weibliche Weisheit repräsentieren. Zeus verschlingt sie und eignet sich hiermit die Fähigkeit an, die nur Müttern vorbehalten ist: Er gebiert Athene, allerdings aus dem Kopf, da ihm die lebensspendenden mütterlichen Organe fehlen. Diese Aneignung des weiblichen Geburtsaktes legt dann schießlich den endgültigen psychologischen Keim zur Rechtfertigung des Muttermordes und der tabuisierten Verdrängung der kulturellen Mutterstufe, die über einen Zeitraum von mindestens 150 000 Jahrn das Leben der Menschen auf ihrer lebensspendenden Mutter bestimmt hatte.

Gute Literatur zum Thema: Kirsten Ambruster, Das Muttertabu oder vom Beginn der Religion, edition courage