Wie alles anfing

Die kleine AlexandraAlexandra:

Als ich klein war, träumte ich davon mit den Tieren zu sprechen, ich träumte davon ein Indianer zu sein und mich geschmeidig und gewandt durch den Wald zu bewegen. Ich stellte mir vor, wie ich Freundschaft mit den unterschiedlichsten Tieren pflege und bei dieser Vorstellung fühlte ich mich glücklich, vollständig und verbunden.

Wurde ich gefragt was ich werden will, wenn ich groß sein würde, so antwortete ich: Ich will einen Bauernhof haben. Das kam meinem obigen Traum im konventionellen Sinne am nächsten. So traute ich mich meinen Wunsch auszudrücken, ohne befürchten zu müssen, irgendwie komisch zu sein. Denn früh hatte ich gelernt, dass meine Sehnsucht, mit den Tieren zu sprechen und mit den Elementen in Kommunikation zu sein, von meinen Mitmenschen als dumm und kindisch abgetan wurde. Trotzdem zweifelte ich nie an dieser grundsätzlichen Möglichkeit, aber ich lernte, sie in gesellschaftsfähige Interessen zu transformieren wie z.B. das Studium der Anthropologie, der Ethnologie und der Vor-und Frühgeschichte. Doch auch dabei merkte ich schnell, dass meine eigentlichen Sehnsüchte darüber nicht erfüllt werden würden.

Als ich 1990 in den U.S.A. lebte, begann ich bei Sun Bear, Moon Deer und Beth vom Bear Tribe in die Lehre zu gehen. Nun befand ich mich zum ersten Mal in meinem Leben in einem Umfeld, in dem es normal und natürlich war mit den Elementen zu kommunizieren und die Natur als heilig und belebt wahrzunehmen. Ich war tief berührt und hatte das Gefühl nach Hause zu kommen. Hier lernte ich viel über die Erde, das Wasser, die Luft und das Feuer.

Sun Bear (1990)

Jedes Element hat bestimmte Eigenschaften und Vorlieben und kommuniziert auf seine spezielle Weise. Die Mineralien, die Pflanzen, die Tiere, sie alle sind unsere Geschwister. Wir leben alle gemeinsam auf unserer Mutter Erde, die uns ernährt und versorgt. Was ich bei den Indianern kennen und leben lernte, übertraf alles, was ich mir hätte vorstellen können. Ich erlebte zum ersten Mal eine wirkliche Liebe und Verehrung für das Weibliche in Form von Mutter Erde und Großmutter Mond. Die Menschen, die mir dieses Wissen vermittelten, erschienen mir vertrauenswürdig. Es waren natürliche Autoritäten die nicht „abgehoben“ oder „merkwürdig“ waren wie so einige Menschen, die ich im Kontext von Spiritualität kennen gelernt hatte. Von Ihnen lernte ich viel Neues über Weiblichkeit, über den weiblichen Zyklus und weibliche Sexualität. Für mich öffnete sich eine neue Welt, die sich so richtig und stimmig anfühlte wie nichts, was mir vorher begegnet war.

Alexandra mit der neugeborenen Magdalena

In dieser Phase hatte ich bereits einen Sohn und war gerade wieder schwanger. Ich nahm das Wissen und die Selbsterfahrung, die ich dort machte, in mich auf. Es fühlte sich rund und stimmig an. Im Sommer 1990 kam meine Tochter Magdalena zur Welt die seit Beginn meiner Lehrzeit bei den Indianern in meinem Bauch anwesend war. Ihre Geburt war ein Geschenk im Kontext der Verbundenheit. Sie erblickte zu Hause in Massachusetts in einer überdimensionierten Badewanne das Licht der Welt. Es war eine sehr naturverbundene Geburt. Wir lebten damals ziemlich in der Wildnis, 13 Meilen auf Schotterstraßen zum nächsten Ort, und in dieser Umgebung verbrachte Magdalena ihre ersten Lebensmonate.

Wir kehrten nach Deutschland zurück und viele Jahre vergingen. Das Wissen der Indianer keimte in mir und gut 9 Jahre später begann ich dieses Wissen in unsere Seminare in Berlin zu integrieren. Eine weitere inspirierende Erfahrung machte ich 2000 auf einer Frauenkonferenz im Zegg (Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung, eine wundervolle Gemeinschaft in Belzig bei Berlin). Auf einmal kam ganz ähnliches Wissen wie das bei den Indianern gelernte von einer ganz anderen Seite zu mir. Der Zusammenhang zur kulturellen Mutterstufe, die nicht nur bei den Indianern, sondern auch hier in Europa und überall auf der Welt verbreitet und von Verbundenheit und Fülle geprägt war, begann deutlich zu werden.

Zeitgleich war meine eigene Mutter dabei ein Buch über die Entstehungsgeschichte der Ehe zu schreiben. Dabei stellte sie voller Erstaunen fest, dass die Ehe ursprünglich ein politisches Instrument war um die Macht der weiblichen Sippenstruktur zu schwächen. Mit Erfindung der Ehe wurde die Frau einem Mann zugeordnet und das patriarchale Familiensystem eingeführt, das auf Herrschaft beruht. Die Werte der Indianer, die mich so geprägt hatten, wurden nun zunehmend auch in unserer eigenen Frühgeschichte deutlich. Langsam begann ich zu verstehen, dass das, was ich bei den Indianern kennen gelernt hatte zu einer balancierten Lebensweise gehört, wie sie überall auf der Welt zur Zeit der kulturellen Mutterstufe einst existiert hatte. Teile der nordamerikanisch indianischen Traditionen sind wahre Schätze, die fast überall auf der Welt bereits verloren sind. Sun Bears Worte: „Wir (die Indianer) sind die Hüter der Erde, die Zeit, da wir unser Wissen mit dem weißen Mann teilen müssen ist gekommen“ ergaben rückblickend einen ganz neuen Sinn für mich.

Alexandra und Magdalena (ca. 1 Jahr)

Immer deutlicher wurde mir im Laufe der Zeit, dass das Weibliche Element in unserem Dasein zum Teil verbogen und entstellt ist und unvollständig dahinvegetiert – sowohl in den Frauen als auch in den Männern und in den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen, woraus viel Leid entsteht. Da die meisten von uns nicht mehr wissen, was wir überhaupt verloren haben, ist es eine große Herausforderung Bewusstsein dafür zu erwecken. Prinzipiell geht es darum das weibliche Prinzip der Fülle und Verbundenheit wieder zu beleben. Darin ist das Wissen implizit enthalten, dass alles mit allem verbunden ist (etwas, das durch die systemtheoretische Betrachtungsweise inzwischen langsam wieder Eingang in unser Bewusstsein findet). Hiergegen herrscht großer Widerstand, denn diese Weltanschauung hat natürlich gewaltige Implikationen für unser Handeln auf allen Ebenen.

Unverbundenes Handeln ist in unserer Kultur das normale “erlaubte” Handeln. Bei den Indianern war es üblich bei einer Entscheidung abzuwägen, ob sie für die nächsten sieben Generationen von Nutzen sein würde. Das ist sicherlich das andere Extrem. Doch fast überall auf der Welt kann beobachtet werden wie maximaler Profit angestrebt wird, ohne Rücksicht und Kompromissbereitschaft in Hinsicht auf die Umgebung / Mitwelt, Menschen, Tiere, Pflanzen und die Erde

Ich glaube, wir brauchen neue innovative Konzepte für unsere Art zu leben und zu arbeiten. Wir brauchen Menschen die sich trauen anderes Denken, Fühlen und Handeln auszuprobieren. Da ich mich viel mit dem Erweitern von Denk-, Fühl- und Verhaltensmustern beschäftige, weiß ich, dass dies einfacher und schneller geht, wenn es ein positives Vorbild gibt, an dem sich der Mensch orientieren kann. Meistens sind Menschen im “weg von”-Modus unterwegs, wenn sie etwas verändern wollen. Dabei geht lernen am Modell viel schneller. Deshalb brauchen wir Modelle, die etwas vorleben, an dem sich mehr Menschen orientieren können. Das bedeutet nicht, dass sie es auch genau so machen sollen, sondern es bedeutet Inspiration und Anregung für die eigene Kreativität neue Lösungen zu schaffen. Mit Living Gaia wollen wir solch ein Modell schaffen.